Jugendliche motivieren - wie geht das?

Gerade zum Ende der Schulzeit können berufsorientierende Angebote SchülerInnen eine wichtige Hilfestellung bei der anstehenden Berufswahl geben.

Warum fällt es dennoch vielen Jugendlichen schwer, diese Angebote aktiv in Anspruch zu nehmen oder sinnvoll für sich zu nutzen? Wie können Lehrer und Eltern Jugendliche für Praktika motivieren und welche Tipps kommen nicht so gut an?

Über diese und weitere Fragen haben wir mit Professor Dresel, Lehrstuhlinhaber für Psychologie an der Universität Augsburg, gesprochen.

Herr Professor Dresel, was ist eigentlich Motivation und welche Rolle spielt sie für Jugendliche in beruflichen Orientierungsphasen?

Motivation liegt allen unseren Handlungen als zentrales Prinzip zugrunde. Sie ist der Motor, der uns dazu bringt, Handlungen zu beginnen, aufrecht zu erhalten und gegen eventuelle Ablenkungen abzuschirmen. Zudem trägt Motivation auch unsere Bewertung einer Handlung, wenn sie abgeschlossen ist: wie erfolgreich war die Handlung? Was bedeutet das Ergebnis für die Zukunft? Motivation umspannt also die gesamte Kette jeder Handlung.

Berufsorientierung umfasst eine Vielzahl von anspruchsvollen Handlungen: das Einholen von Informationen, Verfassen von Bewerbungen, der Besuch von Berufsmessen, das Nachfragen bei Eltern und Lehrern, das Einfordern von Hilfe etc. Es ist klar, dass die Motivation der Jugendlichen zentral dafür ist, diese Handlungen gezielt in Angriff zu nehmen und durchzuführen.

Wie erklärt sich die geringe Motivation vieler Jugendlicher bei der Berufsorientierung, die doch für ihren weiteren Lebensweg wichtig ist?

Zunächst sollte man sich vergegenwärtigen, dass hier sicherlich große Unterschiede zwischen Jugendlichen bestehen und Erwachsene sicher einen anderen Blick darauf haben als die Jugendlichen selbst. Hinter einer geringen Motivation zur Berufsorientierung, die Jugendliche aus Erwachsenensicht wohl häufig an den Tag legen, vermute ich vor allem drei Gründe.

Wissens- und Erfahrungsdefizite in diesem Bereich können ein erster Aspekt sein, der zu geringer Motivation führt. Wenn man beispielsweise Bewerbungsschreiben Jugendlicher ansieht, wird ersichtlich, dass vielen einfach das Wissen fehlt, wie man eine Bewerbung angeht und wo sie sich die Informationen dazu einholen können. Eine Strategie, um Schüler zu motivieren, kann es daher sein, ihnen Werkzeuge und Kompetenzen an die Hand zu geben, wie sie diese Prozesse bewältigen können.

Ein zweiter Aspekt liegt in der Sinnhaftigkeit einer Handlung, also: inwiefern bedeutet den Jugendlichen eine berufsorientierende Maßnahme etwas für ihre aktuelle Situation, was können sie daraus mitnehmen?

Und schließlich halte ich es für entscheidend, sich klar zu machen, welche große Anforderung es für viele Jugendliche ist, eigenständig aktiv zu werden in einem Bereich, der ihnen so völlig unbekannt ist. Beispielsweise in einem fremden Betrieb anzurufen und nach einem Praktikum zu fragen. Idealerweise wird der Übergang von Schule und beruflicher Orientierung daher fließend und Schritt für Schritt gestaltet.

Bei alldem sollte man auch nicht vergessen, dass Jugendliche in einer Phase sind, in der sie sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen wollen und wohl auch müssen.

Gerade der Aspekt, dass die Berufswelt für Jugendliche noch sehr fremd ist, könnte auch erklären, warum sie bei Pflichtpraktika oft scheinbar den Weg des geringsten Widerstandes gehen …

Genau - positiver formuliert: Schüler gehen eben oft den einzigen Weg, den sie sich vorstellen können. Vielleicht haben sie oft keine andere Idee, als beim Discounter um die Ecke nach einem Praktikum zu fragen.

Welche Faktoren wirken auf die Motivation von Schülerinnen und Schülern ein? Wodurch lassen sich Schüler (14-19 Jahre) besonders motivieren?

In der Motivationspsychologie sehen wir drei menschliche Grundbedürfnisse als zentrale Motivationstreiber: zunächst möchte jeder Mensch gerne autonom handeln. Das könnte bei der Berufsorientierung beispielsweise dadurch gewährleistet werden, dass man den Jugendlichen nicht nur vorgibt, was zu tun ist, sondern ihnen Wahlmöglichkeiten gibt.

Das zweite Grundbedürfnis bezieht sich darauf, in sozialen Beziehungen eingebunden zu sein – ein gerade für Jugendliche ganz entscheidendes Bedürfnis, also in einer Peergroup integriert und akzeptiert zu sein. Wenn Berufsorientierung sinnvoll in die Schule integriert wird, beispielsweise über Schnuppertage oder Projekttage, kann dieses wichtige gemeinsame Erleben entstehen.

Das dritte, aus unserer Sicht ebenfalls sehr wichtige, Bedürfnis ist der Wunsch danach, sich als kompetent zu erleben. Wenn Jugendliche in der Schule laufend Misserfolge erleben, ist dieses Bedürfnis oft wenig erfüllt – eine praktische Tätigkeit, bei der am Ende ein Produkt steht, bietet hier jedoch viele Möglichkeiten. 

Gerade diese Jugendlichen werden aber vermutlich eher ablehnend auf schulische Angebote zur Berufsorientierung reagieren. Wie kann man sie dennoch motivieren?

Eine praktische Tätigkeit, bei der am Ende ein Produkt steht, bietet viele Möglichkeiten, sich als kompetent zu erleben. Es hängt natürlich auch von dem Angebot der Praktikumsbetriebe ab, inwieweit Schüler Einblicke in vollständige Handlungsabläufe haben, nicht nur einen Teilbereich kennen lernen. Aber gerade dieser Fokus auf Arbeit und das Eingebundensein in einen Betrieb und ein Team kann sehr motivierend sein – so gibt es ja auch viele pädagogische Konzepte, die die gemeinsame Arbeit ins Zentrum des Lernens stellen.

Welche Bedingungen können Lehrer konkret im Unterricht schaffen, um Schüler zur Berufsorientierung zu motivieren?

Mir erscheint eine Herangehensweise sinnvoll, die an die Interessen der Jugendlichen anknüpft bzw. ihnen zunächst einmal die Möglichkeit gibt, diese selbst zu bestimmen. Beispielsweise in einer Unterrichtseinheit, in der jeder Schüler zwei bis drei Aspekte herausarbeitet, in welche Richtung er/sie beruflich gehen möchte, ob er/sie beispielsweise mit Menschen arbeiten möchten oder sein/ihre Affinität zu technischen Themen verwirklichen möchte.

Auch wenn diese Interessen vielleicht noch vage sind, kann man aufgrund dieses Rasters dann im zweiten Schritt überlegen, welche Branchen oder Unternehmen dazu passen. Diese verschiedenen Felder kann die Klasse dann beispielsweise in Projektarbeiten kennen lernen.

Inwieweit sollten Eltern bei der Praktikumssuche unterstützen? Inwieweit beim Thema Berufsorientierung allgemein?

Eltern können oft noch genauer sagen, wo ihr Kind Unterstützung braucht, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Gleichzeitig ist es gerade im Umgang mit Jugendlichen wichtig, dass deren Autonomie gewahrt bleibt – eben weil die Adoleszenz eine Phase der Abgrenzung ist. Eltern sollten daher Angebote machen, aber keinen Druck ausüben.

Genau wie Lehrer können Eltern mit den Jugendlichen über Interessen und Erwartungen sprechen oder konkrete Hilfestellungen anbieten, beispielsweise ihnen Rückmeldung zu einem Bewerbungsschreiben zu geben oder gemeinsam eine Berufsmesse zu besuchen.

Praktika sind eine ideale Form der Berufsorientierung. Wie schaffe ich es als Eltern oder Lehrer am besten, die Jugendlichen dafür zu begeistern? Welche Tipps haben Sie?

Neben dem Anknüpfen an die konkreten Interessen der Jugendlichen können Eltern und Lehrer den Jugendlichen beispielsweise Gespräche mit Menschen ermöglichen, die begeistert von ihrem Beruf sind. In der Schule ist es ja beispielsweise auch in anderen Unterrichtsbereichen möglich, mit Praxispartnern und Experten zusammen zu arbeiten, etwa im technischen, aber auch im sozialwissenschaftlichen Bereich.

So ist das auch das Praktikum nicht der Erstkontakt mit einer Firma – denn je bekannter Schülern dieser Bereich schon ist, desto motivierter sind sie, etwas zu tun. Das hängt dann wiederum damit zusammen, ob sie das Gefühl haben, an Ansprechpartner herantreten zu können.

Wie können Lehrer und Eltern bei Rückschlägen (z.B. Absagen von Unternehmen) tun, um die Motivation ihrer Schützlinge aufrecht zu erhalten?

Motivationstheoretisch kommt es bei solchen Misserfolgen darauf an, „günstige“ Ursachenerklärungen zu finden: Eltern und Lehrer sollten Rückschläge daher niemals auf die mangelnden Kompetenzen oder Fähigkeiten des Schülers zurückführen, sondern eher Ursachfaktoren betonen, die verändert werden können. Beispielsweise könnte man besprechen, beim nächsten Mal eine andere Strategie zu versuchen. Außerdem ist es sinnvoll zu überlegen, was man trotz Misserfolg nun mehr weiß, was man aus der Erfahrung mitnehmen kann. Man muss ja auch mehrere Turnschuhe probieren, bevor man das passende Paar gefunden hat.

Vielen Dank für das Interview, Herr Professor Dresel!

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