Ein Projekt des bbw e.V
Gruppenbild: Herr Böhm steht mit drei weiteren Personen in der Ausbiuldungshalle und blickt in die Kamera.

Einblicke in die Zukunft der Ausbildung: Wolfgang Böhm von Diehl über die Virtual Work Experience

Unbekannte Berufe entdecken und ausprobieren, was einem gefällt – noch immer ist ein Praktikum das beste Mittel, um seinen Traumberuf zu finden. Die Virtual Work Experience (VWE) ergänzt das klassische Schülerpraktikum mit einer virtuellen Variante. Wolfgang Böhm spricht über seine Erfahrungen mit den virtuellen Praktika.

sprungbrett bayern: Bevor wir mit den Fragen zur VWE starten, stellen Sie sich und das Unternehmen bitte vor.

Böhm: Mein Name ist Wolfgang Böhm, ich bin Ausbildungsleiter und Geschäftsführer der Diehl-Ausbildungs- und Qualifizierungs-GmbH in Nürnberg. Diehl bietet (duale) Berufsausbildungen für die verschiedenen Unternehmenseinheiten am Diehl-Standort in der Metropolregion Nürnberg an. Ab September freuen wir uns wieder auf etwa 130 Auszubildende.

Seit 47 Jahren bin ich Teil des Unternehmens Diehl, 40 Jahre davon im Bereich Ausbildung tätig und nun beschäftige mich seit über 25 Jahren mit dem Thema Ausbildungsmarketing. Vor etwa acht Jahren kam hier die Virtual Reality (VR) ins Spiel, und zwar mit der Virtual Work Experience (VWE) von sprungbrett bayern.


sprungbrett bayern: Sie haben gerade erwähnt, dass Sie bereits in Kontakt mit VR gekommen sind. In welchen Bereichen haben Sie sonst noch Erfahrungen mit VR gemacht? Und wird es in Ihrem Unternehmen auch anderweitig eingesetzt, nicht nur im Zusammenhang mit der VWE? 

Böhm: Ich persönlich habe die VR zuerst im privaten Bereich kennengelernt, da ich mich für die Themen Internet und Technologie sehr interessiere. So bin ich dann in die technische Welt dahinter eingetaucht.

In unserem Unternehmen versuchen wir VR für verschiedene Anwendungen einzusetzen. Wir sind beispielsweise bei Diehl Aviation Ausstatter für die Luftfahrtindustrie und stellen den kompletten Innenbereich für Airbus her, einschließlich der Kabinen und Sanitärräume. Hier beschäftigen wir uns auch mit der Frage, wie der zukünftige Flugzeuginnenraum aussehen könnte. Zudem können wir uns gut vorstellen, die VR in den Bereichen Technologie und Instandhaltung zu nutzen, um Fehler oder Störungen an Maschinen, Anlagen oder Schaltsträngen zu identifizieren und beheben zu können.

Ein weiteres Beispiel ist der Diehl Konzern Defence, in welchem wir mit unseren Verteidigungssysteme Ausstatter der Bundeswehr sind. Hier bieten wir für die Systeme auch entsprechende Trainings- und Schulungssysteme an. VR wird für diese Trainingsstunden sehr hilfreich werden.

Eine weitere Überlegung betrifft das virtuelle Schweißen. Momentan setzen wir auf klassische Live-Praxis, da unsere Fachkräfte in der Lage sein müssen, reale Schweißarbeiten in der Instandhaltung durchzuführen. Obwohl virtuelles Schweißen als Einstiegsmöglichkeit interessant ist, haben wir bereits eine gute Ausstattung und einen ausgezeichneten Schweißraum, daher halten wir hier weiterhin am klassischen Ansatz fest. Manche mögen das als altmodisch betrachten, aber wer virtuell schweißen kann, kann nicht unbedingt auch real schweißen. Die eigentliche Ausbildung mit VR zu ersetzen, ist auch nicht der Ansatz der VWE, sondern die optimale Ergänzung.

Mich persönlich hat die VWE von Anfang an begeistert, und als sprungbrett bayern nach Mitwirkenden gesucht hat, habe ich mich direkt gemeldet.

sprungbrett bayern: Sie beteiligen sich ehrenamtlich von Beginn an der Entwicklung der VWE. Sie unterstützen das Entwicklerteam mit Ihrer Expertise als Unternehmensvertreter und Ausbilder in verschiedenen Bereichen wie Metall, Elektro und Information sowie kaufmännischen Bereichen. Was hat Sie bisher besonders an der VWE begeistert? 

Böhm: Diehl ist Mitglied der bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeberverbände bayme vbm, welche den Projektträger von sprungbrett bayern SCHULEWIRTSCHAFT Bayern im Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft e. V. mit entsprechenden Geldern unterstützen. Zum anderen bin ich ein großer Fan der Praxis. Wenn etwas entsteht, dann sollte die Theorie und die Praxis mitgedacht werden. Daher kann ein solches Projekt nur erfolgreich sein, wenn auch die praktische Expertise eingebunden wird: Die VWE ist wirklichkeitsgetreu.

Gleichzeitig profitieren wir als Unternehmen auch von dem, was das Bildungswerk der bayerischen Wirtschaft leistet und anschließend den Schüler*innen vermittelt. Daher habe ich mich entschieden, ehrenamtlich mitzuwirken und meinen Beitrag zu leisten. Zudem interessiere ich mich sehr für Technologien, und es ist faszinierend zu sehen, was bei der Entwicklung der VWE entsteht. Ich habe wertvolle Kontakte zu der Entwicklungsagentur Studio B12 GmbH, die das Projekt umsetzt, und sie haben wirklich talentierte Programmierer*innen.


sprungbrett bayern: Was können die Schüler*innen durch die VR-Brille sehen, wenn man beispielsweise einen kaufmännischen Beruf näher kennenlernen möchte? 

Böhm: Wir haben dafür eine klassische Postkorbübung. Dabei erhalten die Schüler*innen Informationen und E-Mails, die dann in verschiedene Kategorien sortiert werden – und das wird mit Hilfe der VR-Brille sowie den Joysticks erledigt. Was die Schüler*innen dabei motiviert, ist der Gamification-Effekt und der praktische Ansatz. Die Entwickleragentur Studio B12 integriert diesen spielerischen Aspekt sehr gut.

sprungbrett bayern: Wenn Sie über Diehl hinaus denken, sehen Sie auch für andere Unternehmen einen Mehrwert, Teil der VWE zu werden? Lohnt es sich für Sie, sich daran zu beteiligen? 

Böhm: Es lohnt sich auf jeden Fall, daran mitzuwirken, denn die Einblicke sind unbezahlbar. Insbesondere wenn Unternehmen einen Tag der offenen Tür veranstalten oder Berufsorientierungen in Schulen durchführen, kann die VWE über sprungbrett bayern bezogen werden, um so einen echten Einblick zu bieten sowie zukünftige Fachkräfte zu sichern.

Es handelt sich um eine andere, erweiterte Art der Berufsorientierung. Wir sprechen viel über Berufe und versuchen, Technik zu erklären, aber das Problem ist, dass es an Schulen nicht genügend praktischen Unterricht wie beispielsweise Werken gibt. Schüler*innen können sich solche technischen Berufe nur schwer vorstellen, wenn sie keinen Bezug dazu haben. Daher fehlt es uns an Arbeitskräften in technischen und IT-Berufen. Wir versuchen den Schüler*innen zu vermitteln, was Informatiker*innen machen und was Programmieren bedeutet. Durch VR ist dies viel besser, realitätsnäher und interessanter möglich. Wenn es uns gelingt, andere Unternehmen dafür zu begeistern, bei der VWE mitzuwirken, haben wir einen guten Weg zur Sicherung der Qualität der Berufsorientierung eingeschlagen.


sprungbrett bayern: Welches Potenzial hat die VWE für Schüler*innen? Können sie dadurch motiviert und begeistert werden? 

Böhm: In Deutschland haben wir etwa 320 effektiv genutzte Ausbildungsberufe. Ich glaube, dass wir durch die spielerische Natur der VWE das Interesse auch für vermeintlich unattraktivere Berufe wecken können. Die Schüler*innen haben Spaß daran, die VR-Brillen auszuprobieren. Auf Messen oder in Schulen können wir ihnen so auch ein breites Spektrum an Berufen präsentieren und näherbringen. Wenn ich in eine neunte Klasse einer Realschule gehe und die Schüler*innen frage, welchen Beruf sie ergreifen möchten, kommen Antworten wie Polizist*in, Influencer*in oder Fußballstar. Die jetzigen jüngeren Generationen haben oft sehr eingeschränkte Vorstellungen, obwohl ihnen heutzutage vielfältige Möglichkeiten zur Verfügung stehen, sich breit zu orientieren.

Es geht uns darum, die Schüler*innen für technische und IT-Berufe zu begeistern. Unser Bildungssystem in Deutschland ist großartig. Die reguläre Bildung ist komplett kostenlos, und mit einer klassischen Ausbildung gerät man nie in eine Sackgasse, sondern hat kontinuierliche Möglichkeiten. Die Berufsorientierung muss jedoch verstärkt wahrgenommen werden. Einerseits müssen Lehrer*innen sich mehr einbringen, andererseits müssen auch die Eltern stärker in die Pflicht genommen werden. Wir haben ein enorm breites Angebot, das jedoch nicht ausreichend wahrgenommen wird. Das sollte vielmehr verpflichtend in die Schulen aufgenommen werden.


sprungbrett bayern: Wenn Sie sich etwas wünschen dürften, für welchen Beruf oder welche Branchen würden Sie die VWE noch gerne einsetzen? 

Böhm: Sehr interessant finde ich es, das Thema Logistik aufzunehmen – insbesondere Spedition und Lagerhaltung. Dieser Bereich hat oft einen negativen Ruf, und das, was wir heute in der Logistik haben, entspricht nicht unbedingt den Vorstellungen vieler Menschen. Der Großteil der Tätigkeiten in der Branche beinhaltet die Aufrechterhaltung des Transports und der Fertigungslogistik sowie die Bearbeitung von Begleitpapieren, Dokumentationen und ähnlichem. Logistik ist demnach sehr vielseitig und spannend.

Ein weiterer Beruf, der vermehrt benötigt wird und nicht automatisiert werden kann, ist der Bereich der Pflege. Mit der VWE können wir diesen Beruf näher vorstellen, um bei jungen Menschen mehr Interesse für diesen Bereich zu wecken.

Virtual Reality beziehungsweise die Virtual Work Experience hat noch so viel Potenzial, jungen Menschen zu helfen, das Richtige für sich zu finden und Berufe näher und realitätsnah kennenzulernen. Gleichermaßen erhalten Unternehmen dadurch die Möglichkeit, ihre Branche vorzustellen, und so gegen den Fachkräftemangel zu agieren.

Vielen Dank für den spannenden Austausch, Herr Böhm!

Die VWE wird umgesetzt von

Die Logos der Förderer der Virtual Work Experience.

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